Skip to main content

„Also, das ist eine Horrorstory?”

Der junge Mann sitzt unter einem Baum und sieht seine Lehrerin an. Fast gelangweilt. Er soll seine Zukunft beschreiben. Wie sieht seine Welt in 20 Jahren aus?

Angesichts der Bedrohungen unserer Zeit scheint er sich nur eine triste Version der Zukunft ausmalen zu können. Als sei so gut wie sicher, dass die kommende Welt sich nur für Horrorgeschichten eignet.

An Verfallsdiagnosen besteht in der Gegenwart kein Mangel. Von hier kann es nur abwärtsgehen. Gefahren und Risiken erscheinen weit größer als Chancen und Möglichkeiten. Wer nicht aufpasst, für den beginnt jeder Tag mit einer schlechten Nachricht.

Leben in der Zwischenzeit

Es gibt nichts zu tun, wir können nur warten, bis das Vorhergesagte eintritt. In der Zwischenzeit leben wir in einem Vakuum und fürchten das Ende, das nah sein muss.

Wie können wir in solchen Zeiten verhindern, dass wir nur schwarzmalen und uns selbst davon überzeugen, dass es nur so und nicht anders kommen kann?

Wie überwinden wir das Gefühl der Ohnmacht, ohne ignorant zu sein oder uns ein modisches Feindbild ans Revers zu heften?

„Untergangsnarrative nehmen uns die Handlungsfähigkeit“, sagt die Lehrerin zu ihrem Schüler. „Die Apokalypse ist nur eine Story. Was wäre eine andere?“

Diese Story müssen wir uns vorstellen. Dann können wir prüfen, ob es Wege in diese andere Zukunft gibt. Wir können uns auch die negative Version vorstellen und überlegen, wie wir uns ihr verhalten würden, damit wir ihr nicht ohnmächtig gegenüberstehen.

Episodisches Zukunftsdenken: Ergeignisse und Erfahrungen simulieren

Die Kognitionswissenschaft nennt diese Form der Arbeit mit unserer Vorstellungskraft Episodisches Zukunftsdenken (EZD). Sie greift auf die menschliche Fähigkeit zurück, sich Erfahrungen vorzustellen oder zu simulieren, die in Zukunft auftreten könnten.

Wir konstruieren Lebensereignisse in der Imagination.

Wenn wir eine Reise planen, greifen wir auf Episodisches Zukunftsdenken zurück, ohne überhaupt zu wissen, dass wir es tun. Wir stellen uns vor, wie wir uns an dem anderen Ort fühlen, obwohl wir noch nicht da sind. Wir machen eine kleine Zeitreise. Wir wissen, was wir da wollen. Uns erholen, andere Menschen oder eine andere Kultur kennenlernen. Deswegen beginnt eine Reise, lange bevor wir an dem Ort eintreffen, den wir erkunden wollen.

Sich 20 Jahre in die Zukunft zu versetzen, ist ungleich schwerer. Und dennoch gewinnen wir eine klarere Sicht. Wir erfahren mithilfe unserer Vorstellungskraft nicht nur, was wir nicht, sondern auch was wir wollen.

Wenn wir uns darauf vorbereiten, was geschehen kann, dann sehen wir Handlungsmöglichkeiten. Das lässt sich individuell betreiben, als Organisation oder als Gesellschaft. Wohin geht unsere Reise oder treiben wir nur? Die Vorstellungskraft kann uns beleben, wenn wir sie nutzen.

Das heißt nicht, reale Probleme oder politische Kämpfe um die Zukunft auszublenden. Das wäre naiv.

“Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”

“Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”, sagte Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980. Es ist ein Satz, der sich in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingegraben hat und bis heute als Allheilmittel gegen Wunschdenken verwendet wird. Nicht ohne Grund. Es ist eine Warnung vor Versprechen, die sich nicht erfüllen lassen, ohne dabei viel zu verlieren. Er dient der Abwehr totalitären Denkens. Helmut Schmidt wollte sich selbst und anderen nichts vormachen. Er war ein Realist des politischen Betriebs.

Das können wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns eine andere Zukuft vorstellen. Damit wir nicht in reines Wunschdenken verfallen.

Eine Gesellschaft ohne eine positive Einstellung zur Zukunft sei keine gesunde Gesellschaft, schrieb der Futurologe Rolf Jensen in seinem Buch “The Dream Society”. Er meinte damit keinen blinden Optimismus, sondern den Glauben, dass Herausforderungen gemeistert und Probleme gelöst werden können.

Ohnmachtsgefühle und Ungewissheit lassen sich meistern, indem wir uns andere Zukünfte vorstellen. Anstatt nur zu klagen, kommen wir ins Handeln. Wir hören auf, die “Zukunft als Feind” zu sehen.

So entstehen viele kleine Geschichten, die uns einen Schritt weiterbringen. Wir legen ein Puzzleteil an das andere, um schließlich ein schärferes Bild für unsere Entscheidungen vor Augen zu haben und damit eine Idee, wohin unser nächster Schritt führen kann. Das formt die Geschichten, die wir uns erzählen. Es wird mehr als eine sein – sie werden aus verschiedenen Szenarien mit unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Praktizieren wir Episodisches Zukunftsdenken regelmäßig, kann es uns helfen, blinde Flecken auszuleuchten und zu erkennen, dass eben doch passieren kann, womit wir nicht gerechnet hatten. Dass etwas möglich ist, was wir vorher für unmöglich gehalten haben.

Vier Fragen an die Zukunft

Die folgende Methode, um Episodisches Zukunftsdenken zu erlernen und zu verbessern, stammt aus dem Buch von Jane McGonigal “Imaginable”. Sie besteht aus vier Fragen, die ich nur leicht angepasst habe:

  • Wo sind wir in der Zukunft, wer ist bei uns und was umgibt uns?
  • Was ist wahr an dieser Realität, was heute noch nicht wahr ist?
  • Was wollen wir wirklich von diesem zukünftigen Moment, und wie kommen wir dorthin?
  • Wie fühlen wir uns, wenn wir dort ankommen? Wollen wir so arbeiten und leben?

Diese einfache Methode hilft dabei, nicht nur die Beschränkungen zu sehen, von denen wir vermeintlich umgeben sind, sondern die Alternativen in den Blick zu nehmen.

Diese Wahl haben wir täglich. Es gibt mehr als einen Weg, es gibt mehr als eine Geschichte. Das nicht zu bedauern, ist der erste Schritt in eine Zukunft, die wir vielleicht auch leben wollen und die uns nicht nur den Angstschweiß ins Gesicht treibt.