Peer, der Schreckliche

Die SPD und die Frage des Kanzlerkandidaten vor der Bundestagswahl 2013: Im April 2011 zeichnete sich erstmals ab, dass sich Peer Steinbrück innerhalb der SPD durchsetzen könnte. Eine echte Chance auf das Kanzleramt sollte die SPD auch mit Steinbrück nicht haben. 25,7 Prozent der Stimmen waren zu wenig – aus heutiger Sicht, 2020, ein fast schon gigantisches Ergebnis.

 

Von news.de­-Redakteur Ralf Knüfer – Artikel vom 4. April 2011

18 Monate lang fristete er das Dasein eines Hinterbänklers. Jetzt steht der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück wieder im Rampenlicht. Er wird sogar als Kanzlerkandidat gehandelt. Doch darüber reden will die SPD nicht.

Der richtige Moment war es nicht. Gerade hatte die SPD desolate Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Baden­-Württemberg und Rheinland-­Pfalz eingefahren, da erwischte auch noch Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-­Bundestagsfraktion, seine Partei auf dem falschen Fuß. In einem Interview brachte er den ehemaligen Finanzminister Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten ins Gespräch: «Für die Kanzlerkandidatur kommen mehrere Politiker der SPD infrage. Peer Steinbrück ist einer von ihnen», sagte Oppermann.

Seither tut die SPD so, als sei nicht viel passiert. Stellungnahmen gibt es meist nur unter Vorbehalt. Es sei eine Debatte, die vor allem in den Medien geführt werde, heißt es aus Kreisen des linken Forums DL21, nur nicht in der SPD. Der rechte Parteiflügel hält sich auch bedeckt. Garrelt Duin, Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD, kommt die Debatte um eine Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück viel zu früh: «Im Moment bringt uns das nicht weiter», sagte Duin zu news.de. Mehr als zwei Jahre vor der Bundestagswahl brauche die Partei noch keinen Kanzlerkandidaten.

Dass Steinbrück sich wieder häufiger auf der politischen Bühne zeigt, begrüßt er: «Es ist wichtig, dass Steinbrück wieder in der ersten Reihe dabei ist.» Duin verweist auf die Rede Steinbrücks im Bundestag, als er nach Merkels Regierungserklärung zum Euro-­Rettungsschirm der Kanzlerin Wankelmütigkeit vorwarf. Duin gefällt das: «Wer in der SPD kann besser über den Euro und die Finanzmärkte sprechen als Steinbrück?»

Showdown mit der Kanzlerin

Der Showdown mit der Kanzlerin im März im Bundestag war der erste große Auftritt Steinbrücks seit 18 Monaten. Nach der desolaten Bundestagswahl 2009, als die SPD mit 23 Prozent das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte einfuhr, zog sich der heute 64­-Jährige aus der «ersten und zweiten Reihe» der Bundespolitik zurück. Er wolle Platz für Nachwuchskräfte machen.

18 Monate gab Steinbrück den Hinterbänkler. Schlagzeilen macht er nur kurz, als er sein Buch über die Finanzkrise vermarktete. Dabei posierte er gern als Retter Deutschlands vor dem drohenden Abgrund des Finanzdesasters. Selbstkritik gab es in dem 480 Seiten starken Werk Unterm Strich nur in sparsamen Dosierungen. Kein Wort darüber, dass Steinbrück dem risikoreichen Spiel an den Finanzmärkten seinen Lauf gelassen hatte.

Steinbrücks Schönheitsfehler

Für seine Rede im Bundestag jedoch erntete Steinbrück viel Lob. SPD-­Chef Sigmar Gabriel sagte, Steinbrück spiele in der politischen Champions League. Wären da nicht die kleinen Schönheitsfehler des Peer Steinbrück. Mit Müntefering und Steinmeier gehörte er zu den Protagonisten der Schröder-­Ära. Sie standen für die Agenda 2010, für das Armutsprogramm Hartz IV, sie standen ganz vorne, als die Wähler bei der Bundestagswahl ihr vernichtendes Urteil über die SPD sprachen. Und ausgerechnet mit Steinbrück soll die SPD wieder die 30 Prozent überspringen können? Wo bleibt da der Neuanfang der SPD, wo bleibt da der Platz für den Nachwuchs oder zumindest für einen glaubwürdigen Aufbruch der SPD?

Steinbrück jedenfalls nutzt die Gunst der Stunde. Plötzlich ist er wieder sehr präsent. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Spiegel wirft er seiner Partei mangelnde Selbstkritik nach den Wahlen in Baden­-Württemberg und Rheinland-­Pfalz vor. «Parteien, die nur auf Selbstbestätigung aus sind, und Politiker, die von Tatsachen unbeeindruckt Kommentare abgeben, tragen nicht unerheblich zu Politikverdruss bei.» Nach den enttäuschenden Wahlergebnissen habe die SPD dazu «einen bemerkenswerten Beitrag geleistet». Da ist sie wieder, die gefürchtete spitze Zunge von «Peer, dem Schrecklichen», wie ihn manche in der SPD nennen.

Weitere Artikel im Archiv