Die Ungleichheit wächst weiter

Nach der Krise ist vor der Krise? 2011 sah der Wirtschaftswissenschaftler Gustav Horn im Interview keinen Grund für Entwarnung.

Der Aufschwung in Deutschland ist da. Doch die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft haben wenig davon. Gustav Horn, einer der bekanntesten deutschen Ökonomen, sagt im news.de-­Interview, warum Ungleichheit das Fundament für die nächste Krise ist.

Herr Horn, die Regierung hat in der vergangenen Woche ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum angehoben. Sie war dabei nicht ganz so euphorisch wie die meisten Wirtschaftsinstitute. Aber dennoch: Die Regierung geht davon aus, dass der Aufschwung jetzt auch bei den Menschen ankommt. Neue Jobs würden entstehen, sogar die Löhne sollen steigen. Kommen rosige Zeiten auf uns zu?

Gustav Horn: Rosig ist übertrieben. Aber sicherlich ist es richtig, dass wir die Chance haben, in einen Aufschwung zu gleiten. Wir werden im Laufe des Jahres das Produktionsniveau von vor der Krise überschreiten. Damit wären die Vorbedingungen für einen Aufschwung erfüllt. Das heißt: Wir werden mehr Beschäftigte haben und die Löhne werden in der Tat auch etwas steigen. Die Bäume wachsen jedoch nicht in den Himmel. Wir erwarten Lohnsteigerungen von etwa zwei Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Brüderle geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im Jahresmittel unter der Drei-Millionen­-Marke bleiben wird. Deckt sich das mit Ihrer Einschätzung?

Horn: Ja, das deckt sich mit unserer Einschätzung. Wir sind ja jetzt schon immer hart an der Grenze. Das Beschäftigungsklima dürfte sich im Laufe des Jahres noch weiter verbessern. Im Jahresdurchschnitt dürften wir die Drei­-Millionen-­Marke um etwa 100.000 unterschreiten. Das ist sicher ein großer Erfolg. Es ist der Erfolg der Krisenpolitik, die es möglich gemacht hat, schnell aus der Krise herauszukommen, schneller als die meisten erwartet haben. Das zeigt sich jetzt am Arbeitsmarkt.

In Ihrem kürzlich erschienenen Buch Des Reichtums fette Beute analysieren Sie die Gründe für die Wirtschafts- und die Finanzkrise. Sie äußern große Zweifel, ob die richtigen wirtschaftspolitischen Konsequenzen gezogen wurden. Haben Sie angesichts des Aufschwungs Ihre Meinung geändert?

Horn: Nein. Wir haben gerade über dieses Jahr gesprochen. Das ist eine kurzfristige Perspektive. Wenn ich über längere Zeiträume nachdenke, dann muss ich sagen: Der Aufschwung ist zwar da, aber die Frage ist, wie lange er hält. Und da bin ich skeptisch. Es gibt immer noch viele Probleme, die unsere Wirtschaft belasten. Offenkundig sind die Probleme in der Europäischen Währungsunion, die keinesfalls als gelöst betrachtet werden können. Da ist auch das grundlegende Problem, dass wir noch kein Mittel gefunden haben, um die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft unter Kontrolle zu bringen. Selbst wenn jetzt die Löhne stärker wachsen als in den vergangenen Jahren, die Gewinne wachsen noch viel stärker. Das heißt, die Einkommensschere zwischen Arm und Reich wird weiter aufgehen. Das wird diejenigen, die über hohe Vermögen und Einkommen gebieten, auch in Zukunft immer wieder in Versuchung führen, dieses Geld spekulativ anzulegen. Und das schafft dann die Grundlage für die nächste Finanzkrise.

Sind wir davor gefeit, dass eine neue Finanzmarktkrise ähnliche Konsequenzen für unser Wirtschaftsleben mit sich bringt wie die Krise von 2008?

Horn: Nein. Wir wissen zwar gegenwärtig nicht, bei welchen Papieren die Risiken entstehen, aber dass es sie gibt, das wissen wir. Geht etwas schief, kommt es zu einer massiven Vermögensentwertung, und dann ist die Realwirtschaft unmittelbar betroffen.

Sie schreiben, der Glaube an den Markt habe dafür gesorgt, dass sich die Schere zwischen Reich und Arm weiter geöffnet hat. Was ist passiert?

Horn: Das geschah durch die Deregulierung der Finanzmärkte und ­ parallel dazu ­ die Deregulierung der Arbeitsmärkte. Letztere hat insbesondere im Niedriglohnsektor ein Ausfransen der Verteilung nach unten
ermöglicht. Das trifft nicht nur arbeitslose Hartz ­IV-­Empfänger, sondern auch Menschen, die beschäftigt sind. Der Lohndruck reicht über den Niedriglohnbereich bis in die Mittelschicht, deren Einkommen im Vergleich mit der Oberschicht deutlich zurückgegangen ist.

Wodurch entstand der Lohndruck?

Horn: Wir sehen, dass die Tariflöhne noch einigermaßen gewachsen sind, gleichzeitig beobachten wir aber eine sehr deutliche negative Lohndrift. In vielen Fällen wurde immer weiter von den Tarifverträgen abgewichen, auch weil es tariffreie Zonen in Ostdeutschland gibt, wo Menschen Stundenlöhne haben, die wir als abenteuerlich bezeichnen können. Dazu noch die Arbeitsmarktmaßnahmen, die Ein­-Euro-­Jobs, die indirekt auch Lohndruck ausüben, die Aufstocker bei Hartz IV ­- all das hat immer in eine Richtung gewirkt, nämlich lohnsenkend. Deshalb hat die Ungleichheit so stark zugenommen. Nicht vergessen darf man die Steuerpolitik, die hohe Einkommen massiv entlastet hat.

Das liegt daran, dass aus meiner Sicht eine tiefe intellektuelle Krise in der Ökonomie vorherrscht.

In Frankreich, schreiben Sie, habe die Ungleichheit im Vergleich zu Deutschland nicht so stark zugenommen. Was hat Frankreich anders gemacht als Deutschland?

Horn: Ein markanter Unterschied ist einfach der Mindestlohn. Dadurch werden jene, die beschäftigt sind, davor bewahrt, vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt zu werden. Zudem ist der Mindestlohn in Frankreich dynamisiert. Das hat eine große Rolle gespielt. Und dann haben die Franzosen auch nicht diese Steuerpolitik betrieben, die gerade die hohen Einkommen bevorzugt.

Wird der Aufschwung, den Deutschland derzeit erlebt, auch bei den Menschen ankommen, die in Niedriglohnbereichen arbeiten?

Horn: Man muss sich die Wirkung des Aufschwung wie einen Geleitzug vorstellen. An der Spitze des Geleitzugs stehen die Gewinne und die Vermögenseinkommen, die vom Aufschwung profitieren werden. Das Geld wird ja auch zunächst in die Kassen der Unternehmen gespült. Dann kommen die gut bezahlten Fachkräfte in den Unternehmen, die über gute gewerkschaftliche Organisation schnell Lohnerhöhungen werden durchsetzen können. Schon mit Abstand folgen die Gruppen, bei denen die Tarifmächtigkeit nicht gegeben ist, und ganz am Ende kommen die, die an der Schwelle zur Beschäftigung stehen. Deshalb ist es so wichtig, dass der Aufschwung nicht nur über das Jahr 2011 oder 2012 währt, sondern länger anhält. Nur dann wird dieser Aufschwung auch bei den Menschen ankommen, die im Moment noch ziemlich abgekoppelt sind.

Die Wertschätzung der Arbeit sei in den vergangenen Jahren materiell herabgesetzt worden, sagen Sie in Ihrem Buch, obwohl sie normativ sehr hoch bewertet wird. Wie passt das zusammen?

Horn: Arbeit gilt viel. Es heißt: Arbeit, Arbeit, Arbeit, alles, was Arbeit schafft, ist sozial. Die Zugehörigkeit zur Arbeitsgesellschaft ist ein Muss, um in unserer Gesellschaft integriert zu sein. Auf der anderen Seite haben wir dafür gesorgt, dass sich materiell die Bedingungen ­ über die ganzen Effekte, die ich geschildert habe – deutlich verschlechtert haben. Das liegt daran, dass aus meiner Sicht eine tiefe intellektuelle Krise in der Ökonomie vorherrscht. Der gemeinsame Nenner lautete oft: Wir müssen mehr Ungleichheit schaffen, wir müssen die Löhne drücken, um mehr Arbeit zu schaffen, um die Integration in die Arbeitsgesellschaft möglich zu machen. Diese Theorien haben aus meiner Sicht krass versagt. Und das ist längst noch nicht aufgearbeitet.

Wie stark ist der Einfluss dieses Denkens derzeit?

Horn: Der Einfluss ist noch sehr stark. Viele Kollegen knüpfen wieder an ihr Denken vor der Krise an. Sie haken die Krise ab und denken, jetzt kann man so weitermachen wie vorher – ohne zu bedenken, dass damit das
Fundament für die nächste Krise gelegt wird.


Gustav Horn, 1954 in Nümbrecht geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Ökonomen. Horn war von 1986 bis 2004 am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung tätig. Seit 2005 ist er Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans­-Böckler-­Stiftung. Im Februar dieses Jahres erschien sein Buch „Des Reichtums fette Beute – ­Wie die Ungleichheit unser Land ruiniert“ im Campus Verlag.